Die Galerie

Aufgeschrieben von Thomas

Das Haus liegt direkt gegenüber unserer Anlegestelle in Zlarin, neben dem geschlossenen Hotel „Koralj“. Ein älterer Mann sitzt mit lang vor sich ausgestreckten Beinen im Schatten der geöffneten Haustür auf einem weißen Plastikstuhl. Wir sehen sofort: er ist Warten gewöhnt. Neben der Tür hängt ein Schild „Galerie“. Wir wissen, dass Kroatien eine Hochburg der naiven Malerei ist und erwarten jetzt auf einige Exemplare dieser interessanten Kunstrichtung zu treffen. Beim Näherkommen bemerken wir bereits die Freude, die sich über das Gesicht des Wartenden legt. Wir sind uns nun sicher - hier werden gewiss keine Busladungen Touristen durchgeführt. Etwas ganz Besonderes erwartet uns also! Beim Eintritt durch seine schmale Haustür, hinter welcher der Hüter der Kunst- und Kulturschätze harrt, bemerken wir, dass es sich um einen vernachlässigten kleinen Vorhof zu einem ebenfalls nicht übermäßig gepflegten Haus handelt. Mit seiner Hand weist der Mann freundlich in Richtung eines alten kippligen Gartentisches, auf dem nichts weiter als ein drehbarer Ständer mit Ansichtskarten steht. Es gibt fünf verschiedene historische Fotomotive von Zlarin, alle schwarz/weiß. Sein Vater habe alle diese Fotos geschossen. Die Karten warten seitdem wohl auch hier, denke ich. Eines der Motive ist dennoch interessant, ich reiche dem Mann die erwarteten fünf Kuna und wir wollen nach ein paar gewechselten Worten schon fast die „Galerie“ verlassen. Da erhebt er sich aus seiner Ausruhstellung, tritt hinter eine halb verrottete Pergula, wo auf einer schäbigen Tür ein altes Schild genagelt ist, auf das er stolz mit seiner Hand zeigt. Mit ungeschickt gemalten Buchstaben steht wieder das Wort „Galerie“ drauf. Wir treten in einen dunklen, angenehm kühlen Raum. Eilig sucht der Mann nach zwei Kabeln, steckt sie zusammen und der Raum wird nun durch eine alte Lampe erhellt. Während wir denken „lauter Gerümpel“ fängt der Mann stolz an zu erzählen, stürzt auf eine kleine truhenähnliche Holzkiste zu, öffnet den Deckel und sagt „Franz-Josef-Klo“. Claudia stößt mich von hinten an und raunt mir zu: „Das ist doch eine originelle Geschichte für Deinen Dokumentarfilm!“ Ich frage den Besitzer dieser Sammlung, ob er etwas dagegen hätte, wenn ich das alles und ihn auf Video aufnehme. Das Ergebnis würde vielleicht sogar im Fernsehen gesendet, zumindest jedoch auf DVD veröffentlicht. Begeistert hebt er für meinen Camcorder also noch drei weitere Male den Deckel des altehrwürdigen Verrichtungsmöbels. Ich bohre das Objektiv meiner Kamera in die am Boden des Kastens platzierte Schüssel und finde das Ganze nun ebenfalls witzig. Immer munterer werdend erklärt uns der Mann jetzt seltsame Ornamente, die in zwei Rahmen an der Wand hängen. Ich immer mit meiner Kamera hinterher. Der Mann lächelt ständig, ich stelle ein paar Fragen, er freut sich in die Kamera als Dank für unser Interesse. Dann folgen die persönlichen Fragen, woher, wohin, warum. Er selbst hatte früher dreißig Jahre lang in Dänemark gearbeitet. Nein, dänisch könne er eher nicht, jedoch seine Kinder sprächen gut dänisch. Unsere Konversation ist in englisch, welches er recht gut versteht und auch spricht.

Nachdem wir uns nun schon gegenseitig „kennen“ kann Claudia sich nicht zurückhalten und fragt nach der Bezeichnung dieser Ansammlung von Gegenständen: „Galerie“. Das könne ja wohl nicht stimmen. Sie hätte Malereien erwartet. Ja, sagt er und weist – wiederum nicht ohne Stolz – auf große leere Stellen an den Wänden dieses nicht gerade riesigen Raumes. Hier sollen später noch Bilder hingehangen werden, so sein Plan. Die Bilder hat er momentan noch nicht, es befindet sich eben alles erst im Aufbau.

Obwohl wir beide nicht glauben, dass große Meister der (naiven) Malerei jemals ein Bild in diesen schäbigen Raum hängen werden, sind wir von seiner Darbietung – so kann man es durchaus nennen - angetan. Wir haben beide selten einen alten Menschen getroffen, der so begeistert eine für ihn neue Sache beginnt und mit so großer Freude von den kleinen Erfolgen auf den Weg dorthin berichtet.

Als wir wieder in das Licht treten und auch seinen Vorhof verlassen haben, drehen wir uns von der Strasse aus noch einmal um. Da sitzt er bereits wieder in seinem weißen Plastikstuhl auf seiner Wacht, wieder geduldig harrend der nächsten Interessenten und winkt uns mit einer schwenkenden Handbewegung, wie die einer „Wackelhand“ an einer Autoscheibe, hinterher.


Nach dieser Geschichte stellte ich fest, dass die Entfernungseinstellung meiner Kamera die ganze Zeit auf „manuell“ gestellt war und die Entfernung selbst auf „unendlich“. Mein erstes richtiges Video-Interview - und alles unscharf. Nach einer Stunde von unendlicher Betrübnis – das Wort Verärgerung oder gar Wut auf mich und insbesondere als Hauptschuldige natürlich auf die Kamera - will ich hier nicht gebrauchen – nehme ich diesen Vorfall als Anlass, doch wieder zu mir zu kommen und das Leben als das zu verstehen, was es eben oft auch ist: eine Aneinanderreihung von Geschichten und Zufällen, die eben nicht immer geplant verlaufen und gerade dadurch unser Dasein interessant und abwechslungsreich gestalten.


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